Fakten vs. Versprechen
Was Studien zeigen und was Marketing daraus macht
Wenn es um Kollagen geht, klafft selten irgendwo eine so große Lücke zwischen wissenschaftlichen Daten und Werbeaussagen. Die Webseiten lesen sich wie Laborberichte: Diagramme, Zitate, Fachbegriffe. „Bioaktiv“, „klinisch getestet“, „pharmazeutische Reinheit“ – Worte, die Vertrauen schaffen. Aber hinter den glänzenden Grafiken steckt oft dünne Evidenz. Ich habe mir vierzig wissenschaftliche Arbeiten zu Kollagenhydrolysat angesehen, darunter die meistzitierten, die auch pureSGP in seinen Materialien anführt. Das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Es gibt Hinweise, aber keine Beweise.
Was die Forschung wirklich sagt
In einigen Studien berichten Probandinnen über eine leicht verbesserte Hautfeuchtigkeit oder Elastizität nach drei Monaten Einnahme. Doch diese Effekte liegen im Bereich von wenigen Prozentpunkten – messbar unter Laborbedingungen, kaum sichtbar im Spiegel. Viele dieser Untersuchungen sind klein angelegt (30–60 Teilnehmer), dauern maximal zwölf Wochen und werden direkt oder indirekt von Herstellern finanziert. Unabhängige Langzeitstudien existieren nicht. „Die meisten Kollagenstudien sind wie Schönwetterberichte – angenehm zu lesen, aber nicht wetterfest.“ Ein systematisches Review der Universität Münster (2025) kam zum nüchternen Fazit: „Die bisherige Datenlage erlaubt keine gesicherte Aussage zur Wirksamkeit oraler Kollagenpräparate auf Hautalterung oder Faltenreduktion.“ Die gemessenen Verbesserungen lagen im Bereich von 2 bis 4 % – das entspricht etwa dem Unterschied zwischen einem Tag mit und einem Tag ohne Schlaf.
Wieso die Zahlen nicht überzeugen
In der Biostatistik gilt: Ein Ergebnis ist nur dann relevant, wenn es klinisch signifikant ist – also spürbare Auswirkungen auf den Alltag hat. Doch selbst die stärksten Studien zu Kollagen erreichen diese Schwelle nicht. Ein Effekt, der nur im Mikrometerbereich der Hautdicke messbar ist, ändert nichts am Erscheinungsbild. Dazu kommt: Kollagenpräparate enthalten selten nur Kollagen. Vitamine C, D, Zink, Kupfer und Biotin werden beigefügt, um rechtlich zulässige Aussagen zu ermöglichen. Dadurch entsteht ein juristisches Konstrukt: Das Produkt darf mit „Haut, Haare, Nägel“-Claims werben, obwohl diese sich ausschließlich auf die zugesetzten Mikronährstoffe beziehen, nicht auf das Kollagen selbst.
Aussage vs. Realität
Werbeaussage Erlaubt? Tatsächliche Grundlage
„Kollagen reduziert Falten sichtbar“ keine zugelassene Health Claim (EFSA ablehnt)
„Vitamin C trägt zur Kollagenbildung bei“ bezieht sich nur auf Vitamin C
„Für gesunde Haut, Haare und Nägel“ ⚠️ basiert auf Zink, Biotin, Kupfer
„Klinisch getestete Wirksamkeit“ keine unabhängigen Humanstudien
„Im Labor sind die Effekte klein, im Marketing riesig. Ein klassischer Fall von optischer Täuschung.“
Was pureSGP behauptet und was davon hält
pureSGP arbeitet mit der Bezeichnung SOLUGEL™ ULTRA BD Kollagenhydrolysat. Das klingt beeindruckend, ist aber ein Markenname für ein standardisiertes Proteinpulver, das auch andere Anbieter verwenden. Hinzu kommen Vitamine und Mineralstoffe in minimaler Dosierung – gerade so viel, dass sie auf der Verpackung genannt werden dürfen. Die Website zeigt hübsche Molekülgrafiken und eine „Bioverfügbarkeits-Kurve“, die illustriert, wie die Peptide angeblich besser vom Körper aufgenommen werden. Nur: Diese Kurven stammen nicht aus echten Messreihen, sondern aus schematischen Darstellungen. Kein Hinweis auf eine Quelle, kein Link zu Primärdaten. pureSGP verweist zudem auf eine „pharmazeutische Herstellung in Deutschland“. Das bedeutet allerdings nur, dass die Produktion nach gängigen Hygiene- und Qualitätsstandards erfolgt – nicht, dass das Produkt medizinisch geprüft wäre. Eine Pharmazentralnummer (PZN) ist kein Wirksamkeitssiegel, sondern eine Verwaltungsnummer für Apothekenverkauf.
Wie Marketing Wissenschaft spielt
Der Trick liegt in der Sprache. Anstelle von „Wirkung“ heißt es „Unterstützung“. Anstelle von „Studien zeigen“ heißt es „Studien deuten darauf hin“. Und wenn die Daten schwach sind, hilft ein anderer rhetorischer Kniff: das Storytelling. Prominente wie Eva Padberg oder anonyme „Kundinnen 65+“ berichten von strafferer Haut, weniger Gelenkschmerzen, glänzenderen Haaren. Ein Erfahrungsbericht ersetzt plötzlich Evidenz.
Die emotionale Wirkung ist enorm: Statt Prozentwerten gibt es Identifikationsfiguren. Das Auge glaubt, was die Statistik nicht zeigt.
Was unabhängige Institutionen sagen
  • Stiftung Warentest (10/2022): „Schönheitsdrinks mit Kollagen sind teuer und überflüssig. Kein wissenschaftlicher Nachweis, dass sie Haut oder Gelenke verbessern.“
  • Verbraucherzentrale NRW (2024): „Kollagenpräparate versprechen mehr, als sie halten. Die zugelassenen Aussagen beziehen sich nicht auf die beworbenen Effekte.“
  • EFSA (Europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde): Bisher keine gesundheitsbezogenen Angaben zu Kollagen zugelassen.
Diese Einschätzungen sind eindeutig und sie gelten unverändert auch für pureSGP.
Der psychologische Aspekt
+Kollagenprodukte funktionieren, weil sie Hoffnung mit Handlung verbinden. Ein Pulver, das man täglich rührt, gibt einem die Kontrolle zurück. Das Gefühl, „etwas für sich zu tun“. Diese Erwartung kann sogar echte Veränderungen bewirken: Wer sich besser fühlt, strahlt anders aus. Doch das ist kein Beweis für biochemische Wirkung, sondern für den sogenannten Placeboeffekt. „Der Placeboeffekt ist kein Schwindel, aber er ist keine Proteinwirkung.“